Jubiläum ohne Jubel: Noricum

Der Standard, österr. Tageszeitung, 16./17. April 2005:

Vor 20 Jahren flog Skandal um illegale Kanonenlieferungen auf

Michael Simoner

 

Wien. Im heurigen Jubiläumsjahr – 60 Jahre Kriegsende, 50 Jahre Staatsvertrag und zehn Jahre EU – geraten andere Jahrestage leicht in Vergessenheit. Vor allem wenn es um Anlässe geht, die keinen Jubel verdient haben: Vor zwanzig Jahren flog in Österreich die Causa Noricum auf; ein Megaskandal um illegale Lieferungen von Kriegsmaterial an den Iran, der Justiz und Politik nachhaltig erschütterte.

„Ohne den Noricum-Skandal würde die politische Landschaft in Österreich heute anders ausschauen. Der schwere Vertrauensverlust , den die SPÖ damals erlitt, hat den Freiheitlichen den Weg geebnet“, ist Burkhart List überzeugt. Der 56-jährige Journalist gehörte zu den Aufdeckern der Causa. Im Sommer 1985 fand er bei Recherchen für das (inzwischen eingestellte) Magazin Basta im jugoslawischen Kardeljevo erste Beweise dafür, dass die GHN-45-Kanonen der VOEST-Tochterfirma Noricum nicht wie offiziell ausgewiesen nach Libyen, sondern illegal in den kriegsführenden Iran geliefert wurden.

„Wir gaben uns als offizielle Vertreter Österreichs aus, zeigten nur unsere Führerscheine vor und wurden von den jugoslawischen Behörden tatsächlich durchgelassen“, erinnert sich List. Im zur Verladung fertigen Container waren die Kanonen – mit Bedienungsanleitungen in der iranischen Sprache Farsi.

Es folgte ein Verwirrspiel um Korruption und Macht bis in höchste politische Kreise. Das Waffengeschäft platzte 1987 endgültig, die gerichtliche Aufarbeitung des Noricum-Skandals begann erst Jahre später. Unter den Angeklagten: die SP-Politiker Fred Sinowatz, Karl Blecha und Leopold Gratz. Nur Blecha, der ehemalige Innenminister, wurde wegen Urkundenunterdrückung verurteilt. Mehrere VOEST-Manager erhielten Haftstrafen.

Aufdecker List unternahm 1987 einen Ausflug in die PR-Branche. Und zog damals unter anderem die Immuno AG, über die er fünf Jahre zuvor kritisch berichtet hatte, als Kundschaft an Land. Mittlerweile ist List wieder Journalist und Autor. Mit seiner Simplicissimus VerlagsGesmbH ging er zwar Pleite, doch im Herbst soll sein Buch über die Nachkriegskarrieren von früheren NS-Funktionären erscheinen. List: „Es geht um üble Geschäfte mit geraubtem jüdischem Vermögen.“

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